Prof Dr. Johannes Gründel: „Gegen den Strom schwimmen“
Johannes Gründel, geboren 1929 im nieder schlesischen Glatz, gilt als
einer der renommiertesten Moraltheologen unserer Zeit. Außerdem
betreut Gründel seit über 30 Jahren die Pfarreikuratie St. Ulrich in
Hohenbachern bei Freising.
Tote Fische schwimmen nur mit dem Strom, sagt ein indisches Sprichwort. Und das sagt auch Prof. Dr. Johannes Gründel. Der renommierte Moraltheologe, dem die Praxis in Form seiner seelsorgerischen Tätigkeit immer überaus wichtig war und noch immer ist, ist einer, der mit seinen Aussagen schon mal in konservativen Kirchenkreisen aneckt. „Das Schwimmen gegen den Strom" nennt es der emeritierte Professor der Ludwig-Maximilians Universität (LMU) in München, der nicht nur durch Vorträge in aller Welt den Blick über den Tellerrand hinaus geworfen hat, sondern sich als Dorfpfarrer in der Kuratie von St. Ulrich in Hohenbachern bei Freising wichtige Basiserfahrungen für seine ethische Lehre erworben hat. Denn: „Es gibt nur ein Leben im Rahmen der Begegnung." Noch so ein Satz des Emeritus, der eine von Gründels zentralen Lebens- und Glaubensgrundlagen ausdrückt.
Auch wenn der 1929 als Spross eines alten Bauerngeschlechts in der niederschlesischen Grafschaft Glatz geborene Gründel „ein gewisses patriotisches Bewusstsein" nicht verloren hat: Inzwischen fühlt er sich nicht mehr als Vertriebener und „Beutebayer", sondern als Oberbayer. Gründel, der nach eigener Aussage mit 16 Jahren im Volkssturm noch „mitgeholfen habe, den Krieg zu verlieren", verschlug es nach der Vertreibung seiner Familie nach Osnabrück.
Schon in jungen Jahren beweist Gründel, dass er einer ist, der gern einmal „gegen den Strom schwimmt". Während des Krieges gibt es geheime Treffen der verbotenen katholischen Jugendgruppe ND (Neudeutschland) auf dem elterlichen Bauernhof. Gründel nimmt auch nicht teil an den pflichtmäßigen Veranstaltungen der Hitler-Jugend. Kurz vor Kriegsende wird er fahnenflüchtig, und auch die Entscheidung, Theologie zu studieren, sieht Gründel in gewisser Weise als Ausdruck dieses seines Charakterzuges.
1947 macht er das Abitur, beginnt sofort mit dem Studium der Theologie in Frankfurt, Königstein und München. 1952 wird er in Limburg zum Priester geweiht. Trotz des Angebots zur Promotion will Gründel schon damals unbedingt in der Seelsorge tätig sein, wird Kaplan in Montabaur und Bad Homburg. Jener Bezug zur Praxis ist es gewesen, der ihn schließlich veranlasste, sich der Moraltheologie zuzuwenden. Nach einem Stipendiumsaufenthalt in Rom promoviert Gründel 1959 in München, kommt 1964 als Dozent an die philosophisch-theologische Hochschule in Freising und habilitiert sich zu gleich auch an der Uni München für das Fach Moraltheologie. 1968 erhält Gründel den Ruf auf den Lehrstuhl für Moraltheologie an der Münchner Universität. Gründel hat auch entscheidenden Anteil an der Errichtung eines Studiengangs für Orthodoxe Theologie an der LMU, wofür ihm die Nationale-Kapodistrias-Universität zu Athen 2006 die Ehrendoktorwürde verliehen hat.
Noch heute erinnert sich Gründel daran, wie er dem damaligen Erzbischof Julius Kardinal Döpfner auf dessen Frage, was man in Zukunft mit der theologischen Hochschule in Freising machen solle, geantwortet hat: „Lieber zu früh auflösen als zu spät", - eine Position, die ihm die Freisinger, hätten sie davon erfahren, äußerst übel genommen hätten. Im Rahmen der Auflösung der Hochschule 1968 setzt sich Gründel allerdings bei der Freisinger Bischofskonferenz da für ein, dass auf dem Domberg die erste überdiözesane theologische Fortbildungseinrichtung für alle bayerischen Diözesen eingerichtet wird.
Und Gründel schwimmt weiter gegen den Strom: Im Rahmen der neu aufgebrochenen kirchlichen Diskussion zu Fragen der Empfängnisregelung macht er sich 1968 mit anderen Professoren zum Sprachrohr für eine eigenverantwortliche Entscheidung der Eheleute - entgegen der traditionellen kirchenamtlichen Regelung. Gründel glaubt, viele gute Argumente für seine Position zu haben, ist aber stets bestrebt, „eine Brücke zu schlagen" zu einer Diskussion dieser Fragen mit Vertretern des kirchlichen Lehramtes.
Gründel und die Region - dieser Abschnitt beginnt 1972, als er in das leer stehende Pfarrhaus in Hohenbachern einzieht und dort wieder die für ihn so wichtige Praxis der Seelsorge erfahren darf. „Entscheidend für die Leute ist, dass man glaubwürdig ist", weiß Gründel, der sich freut, dass er sich allen Unkenrufen zum Trotz „in Hohenbachern nicht den Kopf eingerannt" hat. Sehr bald wird das Pfarrhaus zu ei nem „Haus der offenen Tür", gehen Menschen aus der Gemeinde und Freunde ein und aus, treffen sich Wissenschaftler und Theologen aus unterschiedlichsten Ländern, die Gründel durch seine interdisziplinären Seminare, seine Mitarbeit in so mancher Ethikkommission und von Vorträgen her kennt.
In der Region Freising wird Gründel besonders wegen seiner zahlreichen Veröffentlichungen und durchaus kritischen Vorträge zu sozial ethischen gesellschaftlichen und ebenso zu persönlichen Problemen geschätzt. Immer wieder greift Gründel Themen wie Ehe und Familie, Sexualität auf, aber auch Fragen wie Abtreibung und Sterbehilfe oder die Anwendung der Gentechnik beschäftigen ihn. Gründel ist durchaus eine Art moralische Instanz für die Region und darüber hinaus. Vielen Menschen ist er auch als Retter der jahrzehntelang vergesse nen Waldkirche in Oberberghausen, diesem sakralen Kleinod zwischen Freising und Kranzberg, bekannt. Monatliche Gottesdienste hält er dort aufgrund der großen Zahl von Besuchern, die bis aus München kommen, meist im Freien ab, die Hirtenmesse am ersten Weihnachtsfeiertag erleben über tausend Gläubige. Die Gottesdienste und zahlreichen Beratungsgespräche, die sich aus diesem Bezug zu Oberberghausen ergeben, haben Gründel und die Region bekannt gemacht. Er suche, wie er es ausdrückt, stets „einen Weg, der die Menschen nicht allein lässt".
Die größte Erholung sei für ihn, der jedes Jahr auch für 14 Tage ans Meer fährt, das Skifahren. Bei der Musik, sei es aktiv oder passiv, findet Gründel Entspannung. Und bei noch einer Tätigkeit kann er sich von den tiefgreifenden und weitreichenden Fragen der Ethik freimachen: beim Schwimmen. Dann aber einmal nicht gegen den Strom.
Auch wenn der 1929 als Spross eines alten Bauerngeschlechts in der niederschlesischen Grafschaft Glatz geborene Gründel „ein gewisses patriotisches Bewusstsein" nicht verloren hat: Inzwischen fühlt er sich nicht mehr als Vertriebener und „Beutebayer", sondern als Oberbayer. Gründel, der nach eigener Aussage mit 16 Jahren im Volkssturm noch „mitgeholfen habe, den Krieg zu verlieren", verschlug es nach der Vertreibung seiner Familie nach Osnabrück.
Schon in jungen Jahren beweist Gründel, dass er einer ist, der gern einmal „gegen den Strom schwimmt". Während des Krieges gibt es geheime Treffen der verbotenen katholischen Jugendgruppe ND (Neudeutschland) auf dem elterlichen Bauernhof. Gründel nimmt auch nicht teil an den pflichtmäßigen Veranstaltungen der Hitler-Jugend. Kurz vor Kriegsende wird er fahnenflüchtig, und auch die Entscheidung, Theologie zu studieren, sieht Gründel in gewisser Weise als Ausdruck dieses seines Charakterzuges.
1947 macht er das Abitur, beginnt sofort mit dem Studium der Theologie in Frankfurt, Königstein und München. 1952 wird er in Limburg zum Priester geweiht. Trotz des Angebots zur Promotion will Gründel schon damals unbedingt in der Seelsorge tätig sein, wird Kaplan in Montabaur und Bad Homburg. Jener Bezug zur Praxis ist es gewesen, der ihn schließlich veranlasste, sich der Moraltheologie zuzuwenden. Nach einem Stipendiumsaufenthalt in Rom promoviert Gründel 1959 in München, kommt 1964 als Dozent an die philosophisch-theologische Hochschule in Freising und habilitiert sich zu gleich auch an der Uni München für das Fach Moraltheologie. 1968 erhält Gründel den Ruf auf den Lehrstuhl für Moraltheologie an der Münchner Universität. Gründel hat auch entscheidenden Anteil an der Errichtung eines Studiengangs für Orthodoxe Theologie an der LMU, wofür ihm die Nationale-Kapodistrias-Universität zu Athen 2006 die Ehrendoktorwürde verliehen hat.
Noch heute erinnert sich Gründel daran, wie er dem damaligen Erzbischof Julius Kardinal Döpfner auf dessen Frage, was man in Zukunft mit der theologischen Hochschule in Freising machen solle, geantwortet hat: „Lieber zu früh auflösen als zu spät", - eine Position, die ihm die Freisinger, hätten sie davon erfahren, äußerst übel genommen hätten. Im Rahmen der Auflösung der Hochschule 1968 setzt sich Gründel allerdings bei der Freisinger Bischofskonferenz da für ein, dass auf dem Domberg die erste überdiözesane theologische Fortbildungseinrichtung für alle bayerischen Diözesen eingerichtet wird.
Und Gründel schwimmt weiter gegen den Strom: Im Rahmen der neu aufgebrochenen kirchlichen Diskussion zu Fragen der Empfängnisregelung macht er sich 1968 mit anderen Professoren zum Sprachrohr für eine eigenverantwortliche Entscheidung der Eheleute - entgegen der traditionellen kirchenamtlichen Regelung. Gründel glaubt, viele gute Argumente für seine Position zu haben, ist aber stets bestrebt, „eine Brücke zu schlagen" zu einer Diskussion dieser Fragen mit Vertretern des kirchlichen Lehramtes.
Gründel und die Region - dieser Abschnitt beginnt 1972, als er in das leer stehende Pfarrhaus in Hohenbachern einzieht und dort wieder die für ihn so wichtige Praxis der Seelsorge erfahren darf. „Entscheidend für die Leute ist, dass man glaubwürdig ist", weiß Gründel, der sich freut, dass er sich allen Unkenrufen zum Trotz „in Hohenbachern nicht den Kopf eingerannt" hat. Sehr bald wird das Pfarrhaus zu ei nem „Haus der offenen Tür", gehen Menschen aus der Gemeinde und Freunde ein und aus, treffen sich Wissenschaftler und Theologen aus unterschiedlichsten Ländern, die Gründel durch seine interdisziplinären Seminare, seine Mitarbeit in so mancher Ethikkommission und von Vorträgen her kennt.
In der Region Freising wird Gründel besonders wegen seiner zahlreichen Veröffentlichungen und durchaus kritischen Vorträge zu sozial ethischen gesellschaftlichen und ebenso zu persönlichen Problemen geschätzt. Immer wieder greift Gründel Themen wie Ehe und Familie, Sexualität auf, aber auch Fragen wie Abtreibung und Sterbehilfe oder die Anwendung der Gentechnik beschäftigen ihn. Gründel ist durchaus eine Art moralische Instanz für die Region und darüber hinaus. Vielen Menschen ist er auch als Retter der jahrzehntelang vergesse nen Waldkirche in Oberberghausen, diesem sakralen Kleinod zwischen Freising und Kranzberg, bekannt. Monatliche Gottesdienste hält er dort aufgrund der großen Zahl von Besuchern, die bis aus München kommen, meist im Freien ab, die Hirtenmesse am ersten Weihnachtsfeiertag erleben über tausend Gläubige. Die Gottesdienste und zahlreichen Beratungsgespräche, die sich aus diesem Bezug zu Oberberghausen ergeben, haben Gründel und die Region bekannt gemacht. Er suche, wie er es ausdrückt, stets „einen Weg, der die Menschen nicht allein lässt".
Die größte Erholung sei für ihn, der jedes Jahr auch für 14 Tage ans Meer fährt, das Skifahren. Bei der Musik, sei es aktiv oder passiv, findet Gründel Entspannung. Und bei noch einer Tätigkeit kann er sich von den tiefgreifenden und weitreichenden Fragen der Ethik freimachen: beim Schwimmen. Dann aber einmal nicht gegen den Strom.
Andreas Beschorner
