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Brigitte Wagner: „Hier ist eigentlich alles optimal“

Brigitte Wagner aus Hallbergmoos (Jahrgang 1983) ist Weltklasse-Ringerin, hat verletzungsbedingte Rückschläge überwunden und brachte Hochleistungssport, Schule und jetzt Beruf er folgreich unter einen Hut.
Dass eine Welt- und Europameisterin wie Brigitte Wagner eine eigene Homepage hat, ist nichts Ungewöhnliches. Dass man da mit „Willkommen" und „Welcome" begrüßt wird, ist auch nicht überraschend. Dass es unter www.brigittewagner.de aber auch eine „boarische" Version der Website der Weltklasse-Ringerin aus Hallbergmoos gibt, auf die der Besucher mit einem „Grias God" gelockt wird, das ist dann schon etwas ganz Spezielles. Und doch ist es wieder typisch für eine junge Hochleistungssportlerin, die trotz der zahlreichen Reisen in die ganze Welt und trotz mancher Angebote von anderen Vereinen niemals ernsthaft darüber nachgedacht hat, ihre Heimatgemeinde Hallbergmoos, den SV Siegfried, ihre Familie und überhaupt diese Region zu verlassen. Denn hier, so sagt Brigitte Wagner, sei eigentlich alles optimal. Und sie freue sich jedes Mal wie der, wenn sie von ihren Reisen nach Hause komme. Heuer war sie schon in Japan, Russland, Frankreich, Schweden und China, kommt gerade aus Aserbaidschan und Griechenland zurück, trainiert für die Weltmeisterschaft in China. Und weil Brigitte Wagner deshalb oft im Flugzeug sitzt, findet sie die Nähe von Hallbergmoos zum Airport überhaupt nicht störend, im Gegenteil: „Das ist ideal. Da kann ich ja fast zu Fuß hingehen."

Gerade mal 22 Jahre ist die im November 1983 geborene Wagner jetzt, ihre Erfolgsbilanz liest sich aber wie die einer Sportlerin, die schon Jahrzehnte im Geschäft ist: Seit 1996 bis auf einmal immer Deutsche Meisterin, Weltmeisterin der Kadettinnen 1998, Weltmeisterin bei den Juniorinnen 2001, Weltmeisterin bei den Frauen 2002, Europameisterin 2003 und 6. Platz bei den Olympischen Spielen in Athen. Doch die der zeit 52 Kilogramm schwere, 1,55 Meter große (oder wie sie selbst sagt: „kleine") Wagner ist trotz dieser frühen Erfolge niemals „abgehoben", ist ein Kind dieser Region und ein Aushängeschild für Hallbergmoos und den Landkreis geblieben. Beweis: Bereits sieben Mal ist sie zur Sportlerin des Jahres im Landkreis Freising gewählt worden.

Doch all diese Erfolge sind der jungen Frau, die den Spitznamen „Krüml" mit Würde trägt, wahrlich nicht in den Schoss gefallen, seit dem sie 1990 zum ersten Mal ihre beiden Brüder zum Ringertraining begleitet hat. Wagners sportliche Laufbahn ist auch eine Abfolge von Verletzungen, besonders im Kniebereich: „Außer dem Außenband im rechten Knie war alles schon einmal gerissen", erzählt Wagner, die sich gerade wieder von einem Innenbandriss erholt hat. Inzwischen, so merkt sie ein bisschen ironisch an, hat sie sich schon ganz manierliche medizinische Kenntnisse über das menschliche Knie angeeignet. Wie man solche Rückschläge verkraftet? „Ich habe zwar schon fast alles er reicht, aber ein Ziel habe ich noch: Mir fehlt eine olympische Medaille." Peking 2008, das ist es, wofür Wagner die Strapazen auf sich nimmt, Peking 2008 hat Wagner fest im Visier. Und zwar als Teilnehmerin. Denn eine Reise nach China zu den Olympischen Spielen hat sie schon in der Tasche: Bei Olympia 2004 in Athen hat sie das Torwandschießen des ZDF gewonnen und somit zwei Tickets zu den Olympischen Spielen in Peking 2008 ergattert.

Doch auf den Sport allein hat sich Wagner nie verlassen, zumal sie sehr genau weiß: „Als Frau verdient man beim Ringen nichts." Und deshalb hat sie sich nicht nur beim Sport durchgebissen, Wagner hat auch 2005 das Abitur am Josef-Hofmiller-Gymnasium gemacht. Nicht glorreich, wie sie selber sagt, aber angesichts dessen, dass sie mehr als die Hälfte des Jahres auf Turnieren und Trainingslagern verbrachte, dass sie also nicht sehr oft in der Schule war, eine bewundernswerte Leistung. Die Schule und ihre Klassenkameraden hätten sie sehr unter stützt, ist Wagner dankbar. Aber weil man vom Ringen allein vielleicht glücklich werden, aber nicht leben kann, hat Wagner jetzt auch den beruflichen Weg eingeschlagen: Das Studium der Physiotherapie wäre zwar ihr Traum gewesen, auf Grund der langen Abwesenheiten durch Training und Turniere aber nicht machbar.

Und da hat es sich ausgezahlt, dass Wagner bodenständig geblieben ist, dass es sie nie in die Ferne gezogen hat und dass sie ihrer Heimat Hallbergmoos treu geblieben ist: Nachdem sie das Auswahlverfahren samt Einstellungstest und Bewerbungsgespräch erfolgreich absolviert hat, beginnt sie jetzt bei der Gemeinde ihre dreijährige Ausbildung zur Verwaltungsangestellten. Weltklasse im Sport, Rückschläge getreu ihrem Spruch „Gewinne, wenn du kannst, verliere, wenn du musst, kapituliere nie!" überwunden, das Abitur geschafft, jetzt auch noch beruflich auf einem guten Weg - ist Wagner ein Vorbild für die Jugend? „Ich selbst fühle mich nicht so als Vorbild. Das wird einem eher immer von Anderen gesagt", bleibt Wagner bescheiden. Was sie aber ganz sicherlich zum Vorbild macht, ist noch etwas Anderes: Medikamente und Mittelchen, um fit zu werden und fit zu bleiben, gibt es bei Brigitte Wagner nicht. Nicht mal Vitamintabletten oder ähnliches nimmt sie. Ihr Geheimrezept, um auf ihr Kampfgewicht von 51 beziehungsweise 48 Kilogramm zu kommen: „Kalte Cola nach dem Training". Und ein bisschen auf die Ernährung achten. Kurz vor dem Wettkampf ist meistens noch Schwitzen angesagt. „Da erntet man schon seltsame Blicke, wenn alle in der Sonne vor dem Café sitzen und ich im Gummianzug meine Kilos herunterlaufe", beschreibt Wagner manch skurrile Situation. Doch die Plackerei zahlt sich aus, hat sich auch schon in der 10. Klasse ausgezahlt, als ein Klassenkamerad nicht wahrhaben wollte, dass Ringen anstrengend ist und eine 1,55 Meter kleine Mitschülerin ihn, den großen Fußballer, niederringen kann. „Nach zwei Minuten hat er gepumpt wie ein Maikäfer und am Ende lag er unten", beschreibt Wagner feixend den Ausgang des Kampfes.

Der Klassenkamerad wird es inzwischen verkraftet haben, wird - wie viele andere Landkreisbürger - die sportliche Karriere und die Auftritte der Ringerin auf der Matte aufmerksam verfolgen. Denn eines ist bei Brigitte Wagner jederzeit spürbar: Sie ist - und das nicht nur auf ihrer Homepage - „boarisch" geblieben. „In Schifferstadt, das weiß ich, wäre ich niemals glücklich geworden." Ein echter Wagner-Satz, der eigentlich alles sagt.

Andreas Beschorner